Rügendamm und Rügenbrücke: Verkehrsgeschichte einer Inselverbindung

Zwei Bauwerke überspannen den Strelasund: der Rügendamm von 1936 und die neue Rügenbrücke von 2007. Wie beide entstanden, was sie unterscheidet und warum die Inselverbindung bis heute prägt.

Kaum ein Bauwerk prägt den Alltag auf Rügen so sehr wie die Verbindung zum Festland bei Stralsund. Wer heute zügig über den Strelasund fährt, übersieht leicht, dass hier zwei völlig unterschiedliche Bauwerke nebeneinanderstehen: der alte Rügendamm und die neue Rügenbrücke. Zusammen bilden sie die Strelasundquerung – und erzählen fast ein Jahrhundert Verkehrsgeschichte.

Der Rügendamm von 1936

Bau und Eröffnung

Der Rügendamm wurde nach rund dreijähriger Bauzeit im Oktober 1936 in Betrieb genommen und 1936/37 vollendet. Er trug von Beginn an mehrere Verkehrswege zugleich: Über den Damm führen die alte Bundesstraße, die Bahnstrecke Stralsund–Sassnitz sowie ein kombinierter Fuß- und Radweg. Damit verschwanden die jahrhundertelange Abhängigkeit der Insel vom Fährverkehr weitgehend.

Ziegelgrabenbrücke und Technik

Herausragendes Bauteil des Damms war die rund 540 Meter lange Eisenbahnbrücke über den Ziegelgraben: Sie wurde 1936 als erste voll geschweißte Großbrücke errichtet. Gegen Kriegsende wurde sie gesprengt und später wieder aufgebaut – die Geschichte der Querungsanlage ist damit auch eine Geschichte von Zerstörung und Instandsetzung. Der Übergang über den Ziegelgraben wird bis heute als Ziegelgrabenbrücke bezeichnet und für den Schiffsverkehr bewegt.

Die Rügenbrücke von 2007

Mit dem stark gestiegenen Verkehr stieß der Damm zunehmend an Grenzen. Deshalb entstand parallel die neue Rügenbrücke, die 2007 fertiggestellt wurde. Sie führt als reine Kraftfahrzeugbrücke die Bundesstraße 96 samt Europastraße 22 über den Sund und nimmt damit dem alten Damm den Individualverkehr weitgehend ab. Bahn, örtlicher Verkehr sowie Fuß- und Radverkehr bleiben dagegen auf der historischen Trasse.

Was beide Bauwerke unterscheidet

  • Rügendamm: eröffnet 1936/37, trägt Straße, Bahn und Fuß-/Radweg
  • Rügenbrücke: fertiggestellt 2007, ausschließlich dem Autoverkehr vorbehalten
  • Bauweise: Damm-und-Brücken-Kombination gegenüber einer hochliegenden Brückenkonstruktion
  • Verkehrsaufteilung: B 96/E 22 auf der neuen Brücke, alte B 96 und Bahn auf dem Damm

Interessant ist die Perspektive vom Wasser aus: Vom Sund sieht man beide Bauwerke als eine zusammenhängende Linie, deren Abschnitte sich erst bei genauerem Hinsehen nach Bauzeit und Funktion trennen lassen. Wer mit dem Boot oder der Fähre ankommt, bekommt damit automatisch die beste Ansicht des Gesamtkonstrukts.

Bedeutung für Stralsund und die Insel

Für Stralsund bedeutete die doppelte Querungsanlage einen spürbaren Umbau: Der Durchgangsverkehr zog auf die neue Brücke, während der Damm ruhiger wurde und seine Rolle als Alltagsverbindung – auch zu Fuß und mit dem Rad – behielt. Für die Insel selbst bleibt die Frage nach der richtigen Dimensionierung der Verbindung ein Dauerthema, das jedes Jahr in der Hochsaison neu sichtbar wird.

Wer heute unterwegs ist, sollte wissen:

  1. Navigationssysteme unterscheiden zwischen alter B 96 (Damm) und neuer B 96n-Trasse – Zielangaben genau prüfen.
  2. Der kombinierte Fuß- und Radweg auf dem Damm ist eine lohnende, aber windige Route nach Stralsund.
  3. Bei Brückenöffnungen des beweglichen Brückenteils kann es zu Wartezeiten kommen.

Fazit

Der Rügendamm und die Rügenbrücke sind mehr als Infrastruktur: Sie markieren zwei Epochen der Erschließung Rügens. Wer bei der Anreise kurz innehält – etwa vom Fußweg auf dem Damm aus – sieht beide Generationen Inselverbindung nebeneinander liegen.

Vom Fährverkehr zur festen Querung

Die Bedeutung des Damms lässt sich am besten daran ablesen, was er ablöste: Vor seiner Eröffnung war Rügen auf Fähren über den Sund angewiesen, und erst Jahrzehnte später wurde die Personenfähre von Stralsund nach Altefähr wieder eingeführt – diesmal nicht als Zwangslösung, sondern als Ausflugs- und Alternativangebot. Die feste Querung veränderte damit nicht nur die Technik der Anreise, sondern auch das Verhältnis zwischen Insel und Festland: Tagesausflüge wurden normal, Warenverkehr wurde planbar, der Tourismus konnte wachsen.

Was Reisende heute merken

In der Hochsaison zeigt sich die Grenze jeder noch so guten Verkehrsgeschichte: Beide Querungen zusammen stoßen an Kapazitätsgrenzen, und Staus vor Stralsund gehören für viele Gäste zum Anreiseerlebnis. Umso wertvoller sind die Alternativen – die Bahn über den Damm oder die Fähre, die den Weg zum Erlebnis macht.