Wenn man auf Rügen nachts am Strand steht, sieht man sie: die Lichtsignale, die alle 17 Sekunden über die Ostsee blitzen. Sie gehören zu den Leuchttürmen der Insel, die seit fast zwei Jahrhunderten Schiffe sicher an der Küste entlangführen. Die Leuchttürme Rügen sind mehr als nautische Hilfsmittel – sie sind technische Denkmäler, Aussichtspunkte und Zeitzeugen zugleich.
Warum braucht eine Insel überhaupt Leuchttürme?
Die Gewässer um Rügen sind tückisch. Untiefen, Strömungen, Sandbänke und wechselnde Windverhältnisse machten die Ansteuerung der Häfen und den Verkehr zwischen Bodden und offener See gefährlich. Bereits im Mittelalter gab es einfache Seefeuer aus Holz und Kienharz – der Ortsname „Kinnbackenhagen" nördlich von Stralsund erinnert noch heute daran. Doch erst als Preußen nach 1815 die Herrschaft über Rügen übernahm, begann ein systematischer Ausbau von Leuchtfeuern entlang der gesamten preußischen Ostseeküste.
Der Anfang: Schinkelturm und neuer Turm am Kap Arkona
Am 5. Mai 1826 wurde am Kap Arkona der Grundstein für den ersten Leuchtturm Rügens gelegt. Der Entwurf wird meist Karl Friedrich Schinkel zugeschrieben, auch wenn neuere Forschung darauf hinweist, dass der Architekt in zeitgenössischen Baureporten nicht explizit genannt wird. Der quadratische Backsteinturm ist rund 19 Meter hoch, hat eine Feuerhöhe von etwa 60 Metern über Normalnull und nahm seinen Betrieb 1828 auf. Er ist damit der zweitälteste Leuchtturm an der deutschen Ostseeküste.
Als Leuchtfeuer diente zunächst ein Festfeuer aus 17 Rüböl-Lampen hinter parabolischen Spiegeln. Die Sichtweite betrug rund 50 Kilometer – für damalige Verhältnisse beeindruckend. Nach 75 Jahren genügte der Turm nicht mehr den wachsenden Anforderungen der Schifffahrt. 1901/02 entstand direkt daneben ein neuer, 35 Meter hoher Backsteinturm auf achteckigem Granitsockel, der am 1. April 1905 in Betrieb genommen wurde.
Der neue Turm war technisch revolutionär: Zwei Kohlebogenlampen auf einem Drehtisch erzeugten ein Gruppenblitzfeuer mit drei Blitzen alle 17 Sekunden. 1995 wurden die Kohlebogenlampen durch eine Halogenmetalldampflampe mit einer Lichtstärke von 2,3 Millionen Candela ersetzt. Bis heute sendet der Leuchtturm Arkona sein charakteristisches Signal – drei Blitze alle 17 Sekunden – und ist damit eines der bekanntesten Seezeichen der südlichen Ostsee.
Neben den beiden Leuchttürmen steht seit 1927 der Peilturm, der ursprünglich dem militärischen Seefunk diente. Alle drei Türme stehen unter Denkmalschutz. Der neue Leuchtturm wurde 2025/26 saniert und ist wieder öffentlich zugänglich; der alte Schinkelturm dient als Museum, Standesamt-Außenstelle und Kunstgalerie.
Weitere Leuchttürme und Seezeichen auf Rügen
Rügens Küste hat mehrere weitere markante Türme und Seezeichen, die jeweils eigene Geschichten erzählen:
- Kollicker Ort (Jasmund): Ein kleiner gusseiserner Turm von 6 Metern Höhe, 1904 von der Firma Pintsch gebaut, diente als Quermarkenfeuer für den Sassnitzer Hafen. Heute ist er gelöscht.
- Ranzow / Lauterbach: Der ursprüngliche Leuchtturm Ranzow stand an der Jasmund-Nordküste, wurde 1999 abgebaut und 2002 als technisches Denkmal am Kap Arkona aufgestellt. Seit Juni 2021 leitet er als Leuchtturm Lauterbach Schiffe in den Putbuser Hafen.
- Lotsenturm Thiessow: Kein klassischer Leuchtturm, aber ein wichtiges Seezeichen des Mönchguts. Die Lotsengeschichte reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück.
Lotsenturm Thiessow – Wache zwischen Ostsee und Greifswalder Bodden
Am Südperd, dort wo sich Rügischer Bodden und Ostsee treffen, liegt auf dem 35 Meter hohen Lotsenberg der Lotsenturm Thiessow. Die Geschichte beginnt lange vor dem heutigen Stahlgerüstbau: Ortskundige Fischer beobachteten bereits im 17. Jahrhundert den Schiffsverkehr und gingen als Lotsen an Bord. Ab 1854 entstand die erste steinerne Lotsenwache aus Ziegelsteinen auf Feldsteinsockel.
1892/93 wurde das Wachhaus um ein hölzernes Stockwerk erhöht. Als auch das baufällig wurde, errichtete man 1909 einen 11 Meter hohen Stahlturm mit Holzverkleidung, der bis 1977 in Betrieb war. Danach verfiel das Bauwerk. Erst 2003 wurde es nach historischem Vorbild wiedererrichtet – unterstützt von Mobilfunkanbietern, die den Turm heute zusätzlich als Antennenmast nutzen.
Von der Aussichtsplattform in 13 Meter Höhe reicht der Blick über den Zicker See, Klein- und Groß-Zicker, die Zicker Berge, das Jagdschloss Granitz und das Steilufer des Nordperds. Bei klarer Sicht sieht man sogar die polnische Insel Wollin. Am Fuß des Turms befindet sich die historische Lotsenwache mit einer kleinen Ausstellung zum Lotsenwesen, geöffnet April bis Oktober.
Technik: Wie funktioniert ein moderner Leuchtturm?
Optik und Kennung
Jeder Leuchtturm hat eine eindeutige Kennung – eine bestimmte Anzahl von Blitzen in einem festen Zeitintervall. Arkona sendet drei Blitze alle 17 Sekunden. Andere Türme haben andere Muster, sodass Seeleute anhand der Blitzfolge immer wissen, welchen Turm sie gerade sehen. Die Optik besteht aus Fresnel-Linsen, die das Licht bündeln und so die Reichweite stark erhöhen. Beim neuen Turm Arkona erreicht die Nenntragweite rund 22 Seemeilen, also gut 40 Kilometer.
Energiequelle und Automatisierung
Frühe Leuchttürme nutzten Öl-, Gas- oder Kohlebogenlampen. Moderne Systeme arbeiten elektrisch und sind vollständig automatisiert. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Ostsee betreibt die aktiven Türme heute ferngesteuert. Personal vor Ort gibt es kaum noch – die Zeiten des Leuchtturmwärters sind vorbei. Nur die Museums- und Aussichtstürme haben weiterhin lokale Betreiber.
Besichtigung: Wo lohnt sich ein Stopp?
- Kap Arkona: Zwei Leuchttürme plus Peilturm, Museum, Aussichtsplattform, Standesamt. Der Klassiker – und mit gutem Grund das beliebteste Ziel.
- Lotsenturm Thiessow: Kombination aus Aussichtsturm und kleinem Lotsen-Museum. Weniger touristisch als Arkona, dafür mit Panoramablick übers Mönchgut.
- Schinkelturm Arkona: Für Hochzeiten reserviert, aber von außen sehenswert. Wer Glück hat, dass keine Trauung stattfindet, kann hineinschauen.
- Rundweg Kap Arkona: Von der Parkplatzanlage führen Wanderwege zur Klippe und zum Gellort, dem eigentlichen nördlichsten Punkt Rügens mit dem Findling Siebenschneiderstein.
Praktische Hinweise
Die Leuchttürme am Kap Arkona liegen im Gemeindegebiet Putgarten. Es gibt Parkplätze, Gastronomie und Souvenirshops. Der Aufstieg zum neuen Turm kostet Eintritt; aktuelle Preise finden Sie bei der Touristinformation. Für den Lotsenturm Thiessow gilt eine Gebühr von rund 1 Euro pro Person, zahlbar per Drehkreuz. Beide Orte sind mit Auto, Fahrrad oder ÖPNV erreichbar.
Leuchttürme und Rügen Geschichte
Rügens Leuchttürme sind weit mehr als nautische Infrastruktur. Sie erzählen von preußischer Ingenieurskunst, sowjetischer Besatzungszeit, DDR-Militärgeschichte und moderner Denkmalpflege. Ob Sie am Kap Arkona den Aufstieg auf 35 Meter wagen, am Thiessower Lotsenberg den Blick über das Mönchgut genießen oder einfach nur abends vom Strand aus das dreifache Blitzsignal beobachten – jeder dieser Türme hat eine eigene Geschichte, die es zu entdecken lohnt.