Kegelrobben-Saison an der Küste Rügens: Schutzzonen und Beobachtung

Immer wieder ruhen Kegelrobben an der Küste von Rügen – besonders am Großen Stubber im Greifswalder Bodden. Wir erklären, wo die Tiere auftauchen, wie Schutzzonen funktionieren und wie Sie sie respektvoll beobachten.

Wer im Herbst oder Winter am Strand zwischen Mönchgut und dem Nordperd wandert, hält gelegentlich Ausschau nach einer ungewöhnlichen Silhouette auf einer Sandbank: einer liegenden, graubraunen Gestalt mit hundähnlichem Kopf. Dahinter verbirgt sich häufig eine Kegelrobbe – das größte frei lebende Raubtier Deutschlands. Die Rückkehr dieser Tiere in die Gewässer um Rügen ist eine der erstaunlichsten Naturgeschichten der Region, und sie macht die Kegelrobben-Saison zu einem Erlebnis für Naturbeobachter. Doch mit den Tieren kommen auch Regeln, Ruhezonen und Verantwortung. Dieser Artikel erklärt, was Besucher über die Tiere, ihre Schutzgebiete und das richtige Verhalten am Strand wissen sollten.

Kegelrobben kehren an die deutsche Ostseeküste zurück

Vom Aussterben zur langsamen Rückkehr

Um 1900 wurde die Kegelrobbe in der deutschen Ostsee als „Fischereischädling“ so intensiv bejagt, dass sie dort seit etwa 1920 als ausgerottet galt. Umweltgifte brachten die gesamte Ostseepopulation um 1980 zusätzlich an den Rand des Aussterbens. Dank internationaler Schutzbemühungen erholte sich die Population jedoch allmählich. Seit etwa 2003 etabliert sich ein wachsendes Vorkommen auf natürlichem Weg in den Gewässern um Rügen. Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz wurden im Jahresmittel zuletzt rund 60 bis 80 Tiere an den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns gezählt, bei einem Monitoring waren es sogar rund 200 Tiere an der gesamten Küste. In Mecklenburg-Vorpommern gilt die Art laut Roter Liste dennoch weiterhin als vom Aussterben bedroht.

Bemerkenswert ist die Standorttreue einzelner Individuen, die Forscher per Foto-Identifikation nachweisen konnten. Die Kegelrobben sind damit keine kurzfristigen Gäste mehr, sondern haben ihr historisches Verbreitungsgebiet wiederbesiedelt. 2018 wurden erstmals Geburten an der deutschen Ostseeküste bestätigt – unter anderem am Kap Arkona.

Wo sich die Tiere an der Küste von Rügen aufhalten

Der Schwerpunkt des Vorkommens liegt im Greifswalder Bodden. Besonders die Sandbank Großer Stubber östlich von Thiessow ist ganzjährig ein wichtiger Liegeplatz – zeitweise ruhen dort Dutzende Tiere gleichzeitig. Auch die Greifswalder Oie, der Ruden und die Nordküste Wittows werden regelmäßig kontrolliert. Im Januar 2016 wurden bei einer Synchronzählung sogar fast hundert Kegelrobben auf Treibeisfeldern vor Mönchgut gesichtet. An fast allen anderen Stränden der Insel sind dagegen einzelne Tiere die Ausnahme – wer trotzdem auf eine liegende Robbe trifft, sollte genau wissen, wie man sich verhält.

Schutzzonen und flexible Ruhezonen an der Küste

Die Kegelrobbe ist nach Bundesnaturschutzgesetz eine streng geschützte Art. Zuständig für das Gebiet des Biosphärenreservats Südost-Rügen ist das Biosphärenreservatsamt, das ein dreistufiges Management aus Information, Beurteilung und Maßnahmen entwickelt hat. Anders als in festen Nationalpark-Kernzonen sind die Schutzzonen für Kegelrobben flexibel: Sie entstehen dort, wo Tiere tatsächlich erscheinen.

Wie eine flexible Ruhezone funktioniert

Befinden sich Kegelrobben an einem leicht zugänglichen Strandabschnitt, kann das Amt eine weiträumige Absperrung mit personeller Betreuung einrichten. Solche Zonen sind vor allem dann nötig, wenn Menschen die Tiere unmittelbar erreichen können und diese kein Fluchtverhalten zeigen. Bei Jungtieren müssen Absperrungen unter Umständen mehrere Wochen bestehen bleiben, weil die Mutter ihr Jungtier während der Säugezeit stunden- oder tageweise allein lässt. Eine Menschenansammlung kann verhindern, dass sie zurückkehrt – im schlimmsten Fall überlebt das Junge nicht.

Für Urlauber bedeutet das: Eine abgesperrte Strandzone ist keine Bevormundung, sondern aktiver Artenschutz. Die Ranger und Naturschutzwarte des Biosphärenreservats informieren gern vor Ort über die Situation.

Warum Abstand so wichtig ist

Jede Störung kostet die Tiere Energie. Wenn eine Robbe erschreckt ins Wasser flieht, verliert sie wertvolle Reserven, die sie zum Ruhen, Fellwechseln oder Säugen braucht. Insbesondere während der Fortpflanzung und des Fellwechsels sind die Tiere hochsensibel. Deshalb gilt am Strand ein Mindestabstand von 100 Metern; Boote und Wassersportler müssen sogar mindestens 300 Meter Abstand halten. Zeigen die Tiere Unruhe, ist der Abstand weiter zu vergrößern.

Robben beobachten: die wichtigsten Verhaltensregeln

Wer Robben beobachten möchte, muss kein Spezialist sein – aber einige Grundregeln kennen. Das Deutsches Meeresmuseum Stralsund und das Bundesamt für Naturschutz haben sie auf fünf einfache Punkte verdichtet:

  • Fluchtweg freihalten: Versperren Sie den Tieren niemals den Weg ins Wasser.
  • Abstand wahren: Halten Sie am Strand mindestens 100 Meter Abstand, vom Wasser aus mindestens 300 Meter.
  • Nicht berühren: Streicheln, Füttern und Bewerfen mit Gegenständen sind verboten.
  • Hunde anleinen: Ein Hund kann eine Robbe schwer stressen oder selbst gefährdet werden.
  • Mutter schützen: Stellen Sie sich nie zwischen ein Muttertier und sein Jungtier.

Woran Sie eine gesunde Robbe erkennen

Eine Robbe, die ruhig am Strand liegt und keine sichtbaren Verletzungen hat, braucht im Regelfall keine Hilfe. Ein Tier, das einen Beobachter aufmerksam ansieht und ihm folgt, ist bereits gestört – dann heißt es sofort Abstand nehmen. Eltern sollten Kinder niemals dicht an Robben heranlassen: Der Biss einer Kegelrobbe verursacht hochgradig entzündliche Wunden, die speziell behandelt werden müssen.

Verhalten vom Boot und beim Paddeln

Wassersportler tragen besondere Verantwortung. Liegeplätze wie Sandbänke, Inseln und große Steine sollten großräumig umfahren werden. Wer Robben im freien Wasser sieht, drosselt die Geschwindigkeit, fährt nicht auf sie zu und verfolgt sie auch nicht in langsamer Fahrt. Paddler sollten sich den Tieren zur eigenen Sicherheit gar nicht erst nähern und sich ruhig entfernen.

Sichtungen melden und zur Forschung beitragen

Zufällige Sichtungen sind für Wissenschaft und Artenschutz wertvoll. Das Deutsche Meeresmuseum sammelt sie systematisch, um Aufenthaltsgebiete und Bestandsentwicklung besser zu verstehen. Urlauber können Sichtungen über die App „OstSeeTiere“ oder das Meldeformular des Museums melden; tote Tiere nimmt die Totfund-Nummer des Museums entgegen. Auch das Biosphärenreservat Südost-Rügen ist zentrale Anlaufstelle für Robbenmeldungen in seinem Gebiet. Wer meldet, hilft mit, flexible Schutzzonen rechtzeitig einzurichten – und leistet damit einen direkten Beitrag zum Erhalt der Art.

Gefährdungen und aktuelle Schutzmaßnahmen

Neben Störungen durch Menschen drohen den Kegelrobben weitere Gefahren: Im Herbst 2024 wurden mehr als 40 tote Kegelrobben vor der Küste Rügens gefunden. Als Reaktion erließ das Land Mecklenburg-Vorpommern eine Sofortmaßnahme, nach der genehmigungspflichtige Fischereireusen nur noch mit speziellen Einschwimmsperren betrieben werden dürfen – zunächst im Greifswalder Bodden, später landesweit an der gesamten Ostseeküste. Diese Regelungen sollen verhindern, dass Robben in den Fanggeräten ertrinken. Zugleich arbeitet das Ministerium an einer dauerhaften Regelung in der Küstenfischereiverordnung und an einem umfassenden Robbenplan, der alle Beteiligten an einen Tisch bringen soll.

Die beste Zeit für Beobachtungen an der Küste

Nach dem Robbenmonitoring des Landesamts für Umwelt, Naturschutz und Geologie zeigt sich am Großen Stubber eine klare Saisonalität: Die größten Ansammlungen werden zwischen Oktober und Dezember beobachtet, während die Präsenz im Mai und Juni am geringsten ist. In der südlichen Ostsee fällt zudem die Wurfzeit der Kegelrobben in die Monate Februar bis April – dann sind besonders vorsichtiges Verhalten und große Abstände entscheidend. Wer in der kalten Jahreszeit an die Küste von Rügen kommt, hat also nicht nur ruhigere Strände, sondern auch die besten Chancen, diese beeindruckenden Tiere aus sicherer Entfernung zu erleben.

Kurzcheck vor der Beobachtung

Für alle, die auf Sichtungsfahrt gehen, fasst dieser Check die Kernpunkte zusammen:

  1. Aufenthaltsorte wie der Große Stubber respektieren und nur von weitem beobachten.
  2. Abstandsregeln einhalten – 100 Meter am Strand, 300 Meter vom Wasser aus.
  3. Hunde konsequent anleinen und Kinder bei sich behalten.
  4. Sichtungen über das Deutsche Meeresmuseum melden.